EINE ATHEISTIN IN DEUTSCHLAND

EINE ATHEISTIN IN DEUTSCHLAND

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von Tamara Isabell

Im Alter von 17 Jahren stolperte ich über die Idee des moralischen Relativismus. Für mich war die Unterscheidung von „richtig“ und „falsch“ selbstverständlich reine Abstraktion. Das wahrscheinlich fast unvermeidliche – es führte mich direkt in den Atheismus.

Es war 1989 und ich war der einzige Atheist, den ich kannte. Ich war lächerlich verliebt in mein eigenes Philosophieren und glaubte,  mich mutig und gewagt in meiner „Gottlosigkeit“.

Zehn Jahre später war ich die Frau eines Luftwaffenoffiziers, abkommandiert nach Deutschland. Ich verliebte mich von Beginn an in die Deutsche Kultur, in ihre Handwerksgeschichte, die sichtbar war in jedem Torbogen und Kopfsteinpflaster, eine Geschichte, die in unserer amerikanischen Landschaft fehlt.

Letztendlich blieben wir fast fünfzehn Jahre in Deutschland.  Zwei unserer drei Kinder wurden dort geboren. Mit der Zeit sprach ich immer flüssiger die deutsche Sprache, indem ich mich über Praktika in ihr Gemeinschaftsleben einbrachte,  Vor allem durch meinen ältesten Sohn, der seit den frühesten Kindertagen deutsch im Kindergarten sprach, um im Alter von sechs Jahren in die Grundschule zu kommen. Mein Leben drehte sich um seine Schule und seinen Spielzeitplan; die Mütter seiner Spielfreundinnen wurden meine lieben Freundinnen.

Die meisten Jahre dieser Zeit wurden in Würzburg verbracht, der „Stadt der Kirchen“ und Anbaugebiet des Frankenweines. Ich machte meine täglichen Einkäufe inmitten der beeindruckendsten Architektur. Ich liebte es in der prunkvollen Kapelle der Hofkirche einen Halt einzulegen, ließ mein Auge den vergoldeten Wirbeln der barocken Überschwänglichkeit folgen, immer in Richtung Decke. Regelmäßig ging ich zum 900 Jahre alten Dom, mit schnellen Schritten vorbei an den großen Skeletten über dem Seiteneingang.

Mein täglicher Ausblick wurde dominiert von Dom, Kirchen und Glockentürmen, mein Tag wurde bemessen von Kirchenglocken; ich blieb Atheist. Ich betrachtete dies alles mit der Neugier eines Museumsgaffers, diese christliche Welt um mich herum konsumierend wegen des ästhetischen Wertes,  niemals in Betracht ziehend, daß da mehr sein könnte.

photo(10)Mein täglicher Ausblick wurde dominiert von Dom, Kirchen und Glockentürmen, mein Tag wurde bemessen von Kirchenglocken; ich blieb Atheist.

Fast alle meine deutschen Freunde waren katholisch. Ich fand mich ergriffen von ihren Bräuchen, sie halfen meinem Sohn seine angezündete Kerze im Wind zu halten im Martinszug der Kinder,  erlaubte, dass mein Haus am Dreikönigstag von den Nachbarskindern mit Kreide beschriftet wurde, die als die Drei Könige verkleidet waren und unser Haus segneten.

Durch dies alles hindurch, blieb ich in einer sturen intellektuellen Bindungslosigkeit. Ich beobachtete und machte in Freude mit, aber ich  fand dies alles lediglich faszinierend, in einem streng anthropologischen Sinne. Ich war noch Atheist, noch stolz in Opposition zur Religion, in ihren rückwärts gerichteten Äußerungen.

Dann passierte etwas Befremdliches. So wie die Jahre vorbei gingen und meine Verehrung der deutschen Kultur nachließ, fand ich es irgendwie schwieriger, sie von akademischer Warte aus zu betrachten.

Schaue lange genug auf eine Statue des heiligen Dionysius und du findest dich selbst wieder mit der Frage, wie es sein kann, seinen eigenen Kopf in den Händen zu halten.

Umgeben von so viel christlicher Kunst begann ich, auf immer wiederkehrende Themen  zu fokussieren – was hatte es damit auf sich?

Natürlich, wie alle Kunstliebhaber vor mir und nach mir, erklärte ich solche Symbole mit mythologischen Begriffen.
Ich tat dies viele Jahre lang, aber letztendlich können solche Erklärungen nicht befriedigend sein bei einem der überwältigensten Themen der christlichen Kunst, das man nirgends sonst findet. Ich beziehe mich hier auf das Thema des Leidens.

photo(8)Natürlich, wie alle Kunstliebhaber vor mir und nach mir, erklärte ich solche Symbole mit mythologischen Begriffen. Ja, warum hält der Heilige aus Stein seinen Kopf in seinen Händen?

Ja, warum hält der Heilige aus Stein seinen Kopf in seinen Händen? Warum fährt die heilige Lucia andauernd fort, ihre ausgestochenen Augen auf einem goldenen Tablett zu präsentieren? Was ist mit Christus am Kreuz?

Langsam begann ich ein Gefühl für die Stimmen des vergangenen Mittelalters zu entwickeln; es war, als wollten sie versuchen, mit mir durch die Bilder und Statuen, die sie uns hinterlassen hatten, zu kommunizieren. Ich begann mich zu wundern über die Strukturen, die sie errichtet hatten; sie standen als ein Zeugnis für etwas anderes, vielleicht für etwas anderes als der patriarchalische Kirchenstaat, den ich immer verachtet hatte. Ich entwickelte das dringende Gefühl, dass dies nicht der Grund für die Schöpfung solcher Schönheit sein konnte.

An diesem Punkt trat Gott spürbar in mein Leben ein, mir Seine Wahrheit durch Gespräche mit gläubigen Katholiken und Schriften längst verstorbener Heiliger offenbarend. Traurig; ich konnte nur intellektuelle Argumente für den Katholizismus finden und Aufmunterungen zur Konversion finden, und zwar unter meinen amerikanischen Freunden, meine deutschen Freunde schienen ratlos.

Ich werde niemals meine erste schüchterne Erkundigung bezüglich eines Messbesuchs bei einer Deutschen vergessen – und meinen Schock als sie mir sagte, dass sie niemals zur Sonntagsmesse ginge, genauso wenig samstags abends vorher. Die meisten meiner deutschen Freunde, die mir so katholisch in ihren Sitten vorkamen, wollten nur im Urlaub, für eine Taufe oder andere sakramentale Riten zur Messe gehen.

Ich mußte zu meinen amerikanischen Freunden gehen, um eine uneingeschüchterte, freudige Evangelisierung zu finden. Jedoch, die Wurzeln meiner Bekehrung wurden grundgelegt inmitten der Reste des Glaubens, die durch die Schönheit der deutschen katholischen Kultur hindurch strahlten.

Ich werde für immer diesem Land und seinen Menschen dafür dankbar sein, den Funken geschlagen zu haben, der letztendlich mein Leben durch Gott erhellte.

photo(9)Die meisten meiner deutschen Freunde, die mir so katholisch in ihren Sitten vorkamen, wollten nur im Urlaub, für eine Taufe oder andere sakramentale Riten zur Messe gehen.

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