Katholische Kirche in Deutschland – droht ein neues Schisma?

Katholische Kirche in Deutschland – droht ein neues Schisma?

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von Dr. med. Stefan Schilling

Knapp 500 Jahre nach dem von Deutschland ausgehendem Schisma Martin Luthers sieht es so aus, als ob erneut von der Kirche in den deutschsprachigen Ländern eine Spaltung ausgehen könnte.

Die deutsche katholische Kirche ist eine der reichsten Kirchen der Welt. Grund dafür ist eine Konstruktion, die weitgehend einmalig auf der Welt ist. Der deutsche Staat zieht über das Finanzamt die Kirchensteuer für die Kirche ein (meist 9% der Einkommenssteuer), für diese Leistung wird der Staat von der Kirche bezahlt. Das sichert der Kirche einen erheblichen regelmäßigen Geldzufluss, so bekam die deutsche Kirche alleine 2012 auf diesem Weg mehr als 5 Milliarden Euro. Dieser Reichtum hat dazu geführt, dass der Apparat der Kirchen so aufgeblasen ist wie sonst nirgendwo auf der Welt. Unzählige Menschen leben von dieser Kirchensteuer, die Kirche hat sich allerdings dadurch auch in zahlreiche Abhängigkeiten vom Staat und der „Welt“ begeben. Auch hat sie in Wirtschaftszweige investiert, die mit dem eigentlichen Auftrag der Kirche nichts mehr zu tun haben. So besitzt die Kirche in Deutschland u.a. mit „Weltbild“ einen der größten Buchverkaufsketten. Und da es dabei nicht mehr in erster Linie um gute katholische Literatur geht, sondern diese Läden Gewinn machen sollen, wird zeitgeistgemäß auch Pornographie, Esoterik, Satanismus uvm. angeboten. Der gläubige Katholik finanziert mit seinen Kirchensteuern also auch solche Aktivitäten mit. Kann er sich dem entziehen und seinen Kirchenbeitrag wirklich katholischen Zwecken widmen? Das soll er mal versuchen. Abmelden muss er seine Kirchensteuerzahlung bei einer staatlichen Stelle. Und nach Auffassung der katholischen Kirche in Deutschland tritt er mit der Abmeldung von der Kirchensteuer auch aus der kath. Kirche aus. Mit allen Konsequenzen: Verbot an Sakramenten teilzunehmen, keine Ämter mehr in kath. Einrichtungen, ja selbst der Ausschluss von einer katholischen Beerdigung wird angedroht – also letztendlich eine Exkommunikation.

Und die kath. Kirche  in Deutschland hat durch ihr Vermögen offensichtlich viele Möglichkeiten, ihrer Sicht der Dinge bzgl. der Kirchenfinanzierung in Rom Gehör zu verschaffen, obwohl es eine solche Verbindung von Geldzahlung und Sakramentenempfang so sonst nirgendwo gibt. Das ist moderner Ablasshandel und Simonie in Reinstform.

Führt der Reichtum der Kirche in den deutschsprachigen Ländern denn wenigstens zu einem lebendigem Glaubensleben? Das Gegenteil ist der Fall. Selbst Kardinal Meisner aus Köln hat schon den Vergleich einer großen luxuriösen Karosserie mit einem viel zu kleinem (Glaubens)Motor geprägt.

Führt der Reichtum der Kirche in den deutschsprachigen Ländern denn wenigstens zu einem lebendigem Glaubensleben? Das Gegenteil ist der Fall.

Die Abhängigkeit von Geld und staatlichen Instanzen führt dazu, dass die Kirche in Deutschland immer mehr versucht, sich dem Geist der heutigen Zeit anzupassen, statt katholische Grundsätze zu lehren und zu vertreten. So ist die Kirche in Deutschland erheblich von modernistischen Strömungen geprägt, die diese „modernen“ Inhalte auch und gerade gegen Rom durchsetzen wollen. Da Stellen in den kirchlichen Apparaten praktisch nur mit Leuten besetzt werden, die dieser „Zeitgeistausrichtung“ angehören, ist es kaum noch möglich, als glaubens- und romtreuer Katholik in Deutschland in „der Firma Kirche“ etwas zu werden. Und das geht weit in die Führungsstrukturen bis in die Bischofssitze hinein. Und das hat Folgen.

So haben sich die deutschen Bischöfe schon 1968 von der Enzyklika „Humanae vitae“ Papst Paul VI. abgesetzt und in der berüchtigten „Königsteiner Erklärung“ die Frage der Empfängnisverhütung zu einer reinen Gewissensentscheidung des Einzelnen gemacht. Ähnliche Erklärungen gab es auch in der Schweiz und in Österreich. Ein ungeheuerlicher Affront gegenüber Rom und dem damaligen Papst. Bis heute ist keine dieser Erklärungen wieder zurückgezogen worden.

Noch schlimmer wurde es bei dem Thema der Abtreibungsgesetzgebung in Deutschland. Eine Abtreibung blieb vom Staat aus straffrei, wenn vorher eine Beratung mit Ausstellung eines entsprechenden Beratungsscheins stattgefunden hat. Auch wesentliche Teile der katholischen Beratungsstellen wollten sich in dieses System weiter einbinden lassen, obwohl dann ein „katholischer Beratungsschein“ die Erlaubnis zu einer Abtreibung bedeutet hätte. Papst Johannes Paul II. hat lange durch Überzeugungsarbeit versucht die deutsche Kirche von diesem Irrweg abzubringen – ohne Erfolg. Einflussreiche Kirchenleute wie der spätere Kardinal Lehmann, damals Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, kämpften verbissen um den katholischen Beratungsschein. Erst ein Machtwort des Papstes hat dieses Treiben dann 1999 beendet – damals hörten die Bischöfe zähneknirschend noch weitgehend auf Ihn. Der damalige Limburger Bischof Kamphaus entzog sich allerdings schon damals dem Gehorsam und ließ in den Limburger Beratungsstellen noch bis 2002 Scheine ausstellen. Erst dann beendete der Papst auch diesen Alleingang, ließ den Limburger Bischof aber (leider) weiter im Amt.

War die katholische Kirche in Deutschland denn jetzt bzgl. der Abtreibungsfrage wenigsten einsichtig geworden? Weit gefehlt. Fast zeitgleich wurde der Verein „Donum vitae“ begründet, mit dem kath. Laien weiter Schwangerschaftskonfliktberatung betrieben und den Abtreibungsschein ausstellten. Oft unterstützt durch kirchliche Mitarbeiter und durchgeführt in der Kirche gehörenden Räumlichkeiten. Aber formal eben nicht mehr „Kirche“, sondern ein privater Verein. Welche Heuchelei!

War die katholische Kirche in Deutschland denn jetzt bzgl. der Abtreibungsfrage wenigsten einsichtig geworden? Weit gefehlt.

In der Diözese Limburg des früher für den Abtreibungsschein kämpfenden Bischof Kamphaus wurde als dessen Nachfolger ein romtreu katholischer Bischof eingesetzt, um den dort entstandenen Schaden zu reparieren. Von den Modernisten der Diözese wird in diesen Tagen der Vorwand von gestiegenen Baukosten bei der Renovierung des Bischofssitzes benutzt, um den Bischof zu vertreiben. Von der Kanzel predigen Priester gegen ihren Bischof und lassen nach der Messe Unterschriften gegen ihn sammeln. Wo gibt es sonst so etwas auf der Welt. Und dem Bischof wird nicht etwas Missbrauch von Kindern oder ähnlich schlimmes vorgeworfen, sondern eigentlich nur, dass er wirklich katholisch und romtreu ist – alle anderen Vorwürfe wie die gestiegenen Baukosten sind nur ein Ablenkungsmanöver.

Und dem Bischof wird nicht etwas Missbrauch von Kindern oder ähnlich schlimmes vorgeworfen, sondern eigentlich nur, dass er wirklich katholisch und romtreu ist – alle anderen Vorwürfe wie die gestiegenen Baukosten sind nur ein Ablenkungsmanöver.

Ein weiterer bis in die heutigen Tage schwelender Konflikt dreht sich um die Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zu den Sakramenten. Die Haltung der Kirche ist da glasklar: Wer kirchlich geheiratet hat, dessen Beziehung nicht kirchlich annulliert wurde und dessen Partner noch lebt, begeht mit jeder neuen eheähnlichen Beziehung einen Ehebruch und damit eine schwere Sünde. Wie alle, die in schwerer Sünde leben, darf er nicht zu den Sakramenten hinzutreten. Er muss zunächst beichten, seine Beziehung beenden und den festen Vorsatz haben, keinen Ehebruch mehr zu begehen.

Das ist natürlich in einer Gesellschaft schwer vermittelbar, in der ein früherer Bundeskanzler vier mal verheiratet war und der jetzige Bundespräsident ungeschieden seit Jahren mit einer anderen Frau zusammenlebt. Also haben auch hier zahlreiche kath. Bischöfe in Deutschland schon lange den Wert des Ehesakramentes aufgegeben und werben unter dem „Deckmantel der Barmherzigkeit“ für die Wiederzulassung der wiederverheiratet Geschiedenen zu den Sakramenten. Schon 1993 haben die Bischöfe Lehmann (später Kardinal geworden), Kasper (ebenfalls später Kardinal geworden) und Sailer einen entsprechenden Vorstoß in Rom unternommen. Doch damals wurde noch vom damaligen Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, die gesamtkirchliche Haltung durchgesetzt.

Unter dem jetzigen Papst und nach vergangenen weiteren 20 Jahren scheint man sich seiner Sache sicher zu sein: in der Diözese Freiburg des emer. Vorsitzenden der kath. Bischofskonferenz Erzbischof Zollitsch wurde dieser Tage eine Handreichung veröffentlicht, die einen weitestgehend liberalen Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen vorgibt, selbst eine Art „Ritual“ für eine „Trauung“ wird vorgeschlagen. Der jetzige Präfekt der Glaubenskongregation Erzbischof Müller (aus der deutschen Diözese Regensburg stammend) hat wieder, wie vor 20 Jahren schon Kardinal Ratzinger, klargestellt, dass dies nicht möglich ist und die katholische Sichtweise  des Ehesakramentes begründet und bekräftigt.

Aber im Jahr 2013 hat man es offensichtlich nicht mehr nötig auf ihn zu hören: selbst der im Beratungsgremium von Papst Franziskus sitzende Kardinal Marx von München sagt nun, dass der Präfekt der Glaubenskongregation die Diskussion nicht beenden könne. Andere Bischöfe wie der Bischof Ackermann von Trier springen ihm bei. Eine öffentliche Äußerung eines anderen Bischofs, die die römische katholische Linie unterstützen würde, hört man nicht.

Das ist der offene Affront gegen Rom. Ein drohendes Schisma!

Was soll der Papst noch tun, selbst wenn er etwas tun wollte (was mir nach „Evangelii gaudium“  nicht mehr so sicher ist)? Setzt er die katholische biblisch begründete Haltung aller Zeiten durch und stärkt das Ehesakrament, dann droht das offene Schisma der deutschsprachigen Kirche. Unterhalb der Oberfläche ist die deutsche Kirche schon lange schismatisch – die obigen Beispiele mögen das belegen.

Was soll der Papst noch tun, selbst wenn er etwas tun wollte (was mir nach „Evangelii gaudium“  nicht mehr so sicher ist)?

Es ist schon bitter: Zwar kann ich als Katholik in Deutschland ehebrechen und werde dennoch auch ohne Beichte, Reue und Umkehr „barmherzig“ zu den Sakramenten gebeten. Wehe aber, ich bin nicht mehr bereit diesen Weg der deutschen Kirche mit meiner Kirchensteuer auch noch mit zu finanzieren und möchte mein Geld nur noch wirklich katholischen, glaubens- und romtreuen Projekten und Gemeinden geben. Dann ist Schluss mit der Barmherzigkeit: Ich darf keine Sakramente mehr empfangen und mir wird sogar gedroht ohne  kirchlichen Beistand begraben zu werden.

Papst Benedikt XVI. hat bei seiner Freiburger Rede 2011 bei seinem letzten Deutschlandbesuch „Entweltlichung“ angemahnt. Er wusste, was in Deutschland los ist. Und ich bin mir sicher, dass bei seinem Rücktritt vom Papstamt auch das „Problem Deutschland“ eine nicht unerhebliche Rolle gespielt hat. Gegen diesen durch Kirchensteuerreichtum aufgeblasenen Moloch anzukämpfen fehlten ihm zuletzt die Kräfte. Hoffen wir, das Papst Franziskus sich nicht durch das Geld aus Deutschland erpressen lässt (die deutsche Kirche ist auch einer der Hauptgeldgeber  des Vatikans), und den Schismatikern aus Deutschland klar die Grenzen weist – und wären sie auch Kardinäle.

Aber ich fürchte, dass sich die Kirche in Deutschland durch so manches Signal aus Rom der letzten Monate eher in ihrem Bestreben eine „deutsche Nationalkirche“ zu werden bestärkt sieht.

Papst Benedikt XVI. hat bei seiner Freiburger Rede 2011 bei seinem letzten Deutschlandbesuch „Entweltlichung“ angemahnt. Er wusste, was in Deutschland los ist.

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