‘Komm, wir gehen für unser Volk’

‘Komm, wir gehen für unser Volk’

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Sankt Edith Stein

Sie war eine intellektuelle Jüdin und Karmelitin, und sie wurde von den Nazis in Auschwitz umgebracht. Heute ist sie eine katholische Heilige.

Die Geschichte von Edith Stein beginnt am Jom Kippur 1891, dem Versöhnungstag: sie wurde als jüngstes von elf Kindern eines jüdischen Holzhändlers in Breslau geboren. Als sie zwei Jahre alt war, starb ihr Vater und ließ ihre fromme Mutter zurück, die hart arbeitete, um die Familie alleine durchzubringen. Doch der vorherrschende Säkularismus in deutschen intellektuellen Kreisen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bewirkte, dass die junge Edith und ihre Geschwister den Glauben ihrer Mutter an Gott verloren.

Im Alter von 14 Jahren „entschied ich bewusst, aus eigenem Antrieb, nicht mehr zu beten“, schrieb Edith Jahre danach. Später studierte Edith an der Universität Göttingen bei dem berühmten Professor Edmund Husserl. Sie war eine brillante Studentin und radikale Frauenrechtlerin mit einem leidenschaftlichen Interesse an Philosophie. Husserl bestritt die Behauptung Kants, dass jede Realität subjektiv sei, und diese Ansicht hatte die unbeabsichtigte Wirkung, dass sie viele seiner Schüler zum Christentum führte.

Später jedoch nahm Edith an einer Ausbildung zur Krankenschwester teil, und bald darauf fand sie sich in einem österreichischen Feldlazarett wieder, mitten in der Typhusepidemie des Ersten Weltkrieges. Sie assistierte in einem Operationssaal und erlebte, wie junge Menschen starben. Es war zuviel für sie.

Noch bevor der Krieg zu Ende war, floh sie vom Schlachtfeld und folgte ihrem Mentor an die Universität nach Freiburg. 1917 promovierte sie mit der Doktorarbeit „Zum Problem der Einfühlung“ mit summa cum laude. In ihrer Dissertation schrieb sie: „Es gab Menschen, die glaubten, dass sich in ihnen ein plötzlicher Wandel vollzogen habe, und dass dies die Wirkung der Gnade Gottes gewesen sei.“

Eines Tages sah Edith erstaunt, wie eine einfache Frau mit einem Einkaufskorb in den Dom ging und zu einem kurzen Gebet niederkniete. „Das war für mich etwas ganz Neues“, schrieb sie. „In die Synagogen und in die protestantischen Kirchen, die ich besucht hatte, ging man nur zum Gottesdienst. Hier aber kam jemand mitten aus dem Trubel des Marktplatzes in die menschenleere Kirche wie zu einem vertrauten Gespräch. Das habe ich nie vergessen können.“

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Kloster Beuron, wo Edith Stein nahm Anweisungen in das Christentum von dem Abt in den 1920er Jahren.

Der nächste Schritt zu ihrer Konversion kam, als Edith ihre Freundin, Frau Reinach, besuchte. Sie war eine junge, trauernde Kriegerwitwe. „Das war meine erste Begegnung mit dem Kreuz und mit der Kraft, die es jenen verleiht, die es tragen … es war der Moment, als mein Unglaube zusammenbrach, und Christus begann, mich mit seinem Licht zu erleuchten – Christus im Mysterium des Kreuzes.“

Obwohl sie den Doktorgrad erworben hatte, durfte sie nicht an einer Universität lehren, weil sie eine Frau war. (Jahre später, als auch Frauen Professoren waren, wurde sie abgelehnt, weil sie Jüdin war.)

Deshalb ging sie zurück in ihre Geburtsstadt Breslau, wo sie in den folgenden Monaten das Neue Testament, Kierkegaard und die Geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola las. Im Sommer 1921 las Edith die Autobiografie der hl. Theresa von Avila. Sie las die ganze Nacht hindurch.

„Als ich das Buch beendet hatte, sagte ich zu mir selbst: Das ist die Wahrheit“, schrieb sie. Am 1. Januar 1922, mit 31 Jahren, wurde sie getauft. Später wurde sie vom Bischof von Speyer in dessen Privatkapelle gefirmt, und danach lehrte sie beinahe zehn Jahre lang Deutsch und Geschichte am Gymnasium der Dominikanerinnen in Speyer. 1932 hielt sie Vorlesungen an der Universität Münster.

Als sie in ein Karmelitinnenkloster eintreten wollte, brachte der Bischof sie von diesem Vorhaben ab. „Während der Zeit meiner Konversion, unmittelbar davor und auch noch einige Zeit danach … dachte ich, dass ein religiöses Leben zu führen bedeute, alle irdischen Dinge aufzugeben und seinen Geist ganz auf göttliche Dinge auszurichten. Nach und nach lernte ich jedoch, dass von uns in dieser Welt Anderes erwartet wird … ich glaube sogar, dass jemand, je stärker er zu Gott hingezogen wird, desto mehr sich selbst überwinden muss, in dem Sinne: in die Welt gehen und göttliches Leben hineintragen.“

Stein war eine produktive Übersetzerin und Autorin. Sie übersetzte die Briefe und Tagebücher von Kardinal Newman aus seiner anglikanischen Zeit, ebenso wie die Quaestiones disputatae de veritate  des hl. Thomas von Aquin. Sie schrieb „Akt und Potenz“, eine Studie über zentrale Begriffe, die von Thomas von Aquin entwickelt wurden.

1933 kam Hitler an die Macht. Die Nazis machten es Edith unmöglich, weiter zu lehren. „Ich hatte schon zuvor von schlimmen Maßnahmen gegen Juden gehört. Aber jetzt wurde mir bewusst, dass Gott Seine Hand schwer auf Sein Volk gelegt hatte, und dass das Schicksal dieser Menschen auch meines sein würde“, schrieb sie. „Wenn ich hier nicht weitergehen kann, dann gibt es für mich in Deutschland keine Möglichkeiten mehr. Ich war eine Fremde in der Welt geworden.“

Sie beschloss, in das Karmelitinnenkloster von Köln einzutreten. 1938 schrieb Edith Stein, nun als Schwester Theresa Benedicta a Cruce: „Ich verstand das Kreuz als Bestimmung des Volkes Gottes, das sich zu dieser Zeit abzuzeichnen begann (1933). Ich fühlte, dass diejenigen, die das Kreuz Christi verstanden, es auf sich nehmen sollten, stellvertretend für alle. Sicher weiß ich jetzt besser was es bedeutet, im Zeichen des Kreuzes mit dem Herrn verheiratet zu sein. Doch man kann es nie begreifen, denn es ist ein Mysterium.“

„Die in den Karmeliterorden eintreten sind für ihre Lieben nicht verloren, sondern wurden für diese gewonnen, weil es unsere Berufung ist, für alle bei Gott einzutreten“, schrieb sie am 31. Oktober 1938. Ich denke immer an Königin Esther, die genau deshalb von ihrem Volk weggeholt wurde, weil Gott wollte, dass sie den König für ihr Volk anflehte. Ich bin eine sehr arme und machtlose kleine Esther, aber der König, der mich erwählt hat, ist unendlich groß und barmherzig. Das ist ein großer Trost.“ (31. Oktober 1938)

Zehn Tage später lief die gewaltsame Verfolgung der deutschen Juden auf Hochtouren, und Ediths Priorin versuchte verzweifelt, sie über die Grenze in die Niederlande zu einem Karmel in Echt zu schmuggeln. Dort schrieb sie „Der Kirchenlehrer der Mystik und Vater der Karmeliten, Johannes vom Kreuz – anlässlich der 400-Jahr-Feier seiner Geburt: 1542-1942.“

Edith Stein wurde am 2. August 1942, als sie sich mit den anderen Schwestern in der Kapelle aufhielt, von der Gestapo verhaftet. Es wurden ihr fünf Minuten gewährt, sich fertig zu machen, zusammen mit ihrer Schwester Rosa, die ebenfalls Nonne war. Ihre letzten Worte dort waren an Rosa gerichtet: „Komm, wir gehen für unser Volk“.

Ihre Verhaftung – zusammen mit anderen getauften Juden – war eine Vergeltungsmaßnahme der Nazis wegen eines Protestschreibens der katholischen Bischöfe Hollands gegen die Pogrome und die Deportationen der Juden.

Am 7. August 1942, früh morgens wurden 987 Juden nach Auschwitz deportiert. Unterlagen weisen darauf hin, dass sie und ihre Schwester wahrscheinlich am 9. August vergast wurden.

Koeln-Edith-Stein-Gedenktafel

Die hl. Edith Stein wurde am 1. Mai 1987 in Köln seliggesprochen. Der selige Papst Johannes Paul II. sagte, die Kirche ehre „eine Tochter Israels, die als Katholikin während der Verfolgung durch die Nazis dem gekreuzigten Herrn Jesus Christus und als Jüdin ihrem geliebten Volk treu geblieben ist.“

Stein-reliquie

Reliquiar der Edith Stein

 

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