Universalgelehrte Hildegard: eine Katholische Heilige

Universalgelehrte Hildegard: eine Katholische Heilige

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Im Jahr des Herrn 1098 wurde Hildegard als Tochter adeliger Eltern geboren, in Bockelheim an der Nahe, im Südwesten Deutschlands. Sie würde eine Universalgelehrte werden – Prophetin, Schriftstellerin, Komponistiin, Philosophin, Äbtissin und Visionärin – und als die „Sybille vom Rhein“ bekannt werden.

von Ed Masters

Hildegard wäre in jeder Zeitepoche eine bemerkenswerte Frau gewesen. Der Überlieferung zufolge war Hildegard das jüngste von zehn Kindern von Mechtild und Hildebert. Sie war schwach und kränklich. St. Hildegards Eltern waren an weltlichen Dingen interessiert, aber sie vertrauten ihre achtjährige Tochter dem Kloster auf dem Disibodenberg an. Dort lebte eine Verwandte namens Jutta, eine heilige und ihrer Berufung treue Nonne, eine Schwester des Grafen Stephan II. von Sponheim.

Hildegards berühmte Visionen

Schon früh erlebte Hildegard Visionen. „Bis zu meinem fünfzehnten Jahr sah ich viel, und bezog manche der Dinge, die ich sah, auf andere, die mich voller Erstaunen fragten, woher solche Dinge kommen könnten. Auch ich wollte das
wissen, und während meiner Krankheit fragte ich eine meiner Pflegerinnen, ob sie auch solche Dinge sähe. Als sie „nein“ antwortete, überkam mich eine große Angst. Häufig bezog ich mich in Gesprächen auf Dinge der Zukunft, die ich
sah, als wären sie gegenwärtig, aber, als ich merkte, wie groß das Erstaunen meiner Zuhörer war, wurde ich zurückhaltender.“

Hildegard_von_BingenHildegard hatte nur eine geringe Schulbildung: Sie kannte den Psalter auf Latein, aber beherrschte die lateinische Sprache nicht. Dennoch schrieb sie einem Befehl Gottes entsprechend alles auf, was ihr in den Visionen gezeigt wurde. Hildegard selbst beschrieb es so: „Es geschah, als ich 42 Jahre und sieben Monate alt war, dass die Himmel offen waren und ein blendendes Licht außerordentlichen Glanzes mein gesamtes Gehirn durchfluteten. Und es setzte mein ganzes Herz und und meine Brust in Flammen, nicht verbrennend, sondern wärmend, und plötzlich verstand ich die Bedeutung der Ausführungen in den Büchern…“

Weil sie sich unwürdig und unqualifiziert für eine solche Aufgabe fühlte, war sie Gottes Befehl gegenüber zurückhaltend, und schrieb: „Aber obwohl ich diese Dinge sah und hörte, hatte ich Zweifel und eine niedrige Meinung
über mich selbst. Deshalb widersetzte ich mich lange dem Ruf, sie aufzuschreiben, nicht aus Sturheit, sondern aus Demut, bis ich von einer Geißel Gottes beschwert, auf das Krankenbett geworfen wurde.“

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Blick von der Abtei St. Hildegard über die Weinberge, Rüdesheim, Deutschland. 

Hildegard wusste, dass ihre Visionen göttlichen Ursprungs waren, aber sie sehnte sich auch nach einer Anerkennung durch die Kirche. Dieses Dilemma bedrängte sie sehr. Deshalb schrieb sie an den Heiligen Bernhard von Clairvaux, der
Papst Eugen III (1145-1153) über die Situation unterrichtete. Der Papst ermutigte sie, den Befehl auszuführen, den Gott ihr übertragen hatte. In Kenntnis der päpstlichen Zustimmung schrieb sie in ihrem Buch Scivias („Wisse die Wege des Herrn“) zum ersten Mal ihre Visionen auf. Ihr Ruhm verbreitete sich durch Europa.

Hildegard, die Äbtissin
Nach Juttas Tod im Jahr 1136 wurde Hildegard die Oberin der Klostergemeinschaft, die um den Ankerplatz herum gewachsen war, in dem sich Menschen in Abgeschiedenheit einem Leben der Buße und des Gebetes widmeten. Im Laufe der Zeit wuchs die Gemeinschaft so stark an, dass Hildegard sich entschloss, anderswohin zu gehen, ermutigt durch einen göttlichen Befehl. Sie ließ sich nieder auf dem Rupertsberg bei Bingen, auf dem linken Ufer des Rheins.
Landkarte zum Leben der Heiligen Hildegard.

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Aufgrund einer Erlaubnis von Graf Bernhard von Hildesheim lebte sie in ihrem neuen Zuhause zusammen mit acht Schwestern von 1150 bis zur Gründung eines weiteren Klosters im Jahr 1165, in Eibingen auf der rechten Rheinseite. Während dieser Jahre hatte sie die Gelegenheit, Kaiser Friedrich zu begegnen, und stand in Briefkontakt mit den Päpsten Eugen III, Anastasius IV, Hadrian IV und Alexander III, sowie mit den Kaisern Konrad III und Friedrich.

Gebildete wie einfache Menschen baten Hildegard um Rat, Deutungen der Bibel und Erläuterungen zu den göttlichen Geheimnissen. Sie machte Voraussagen für den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches – die jener später
als eingetroffen bestätigte – und Vorhersagen, die sich noch erfüllen müssen.

Gegen Missstände im Klerus
Deutsche unserer Zeit haben ein starkes Interesse daran, dass Hildegard korrupte Priester und Prälaten wegen ihres luxuriösen Lebensstils, sexuell unmoralischer Handlungen und anderer Misstände entschieden verurteilte. Bei einer
Gelegenheit bat ein Prior sie, für ihn zu beten, so wie auch er für sie betete. Hildegard schalt ihn daraufhin wegen seiner heidnischen Haltung gegenüber dem Gebet. Hildegard hinterließ auch viele schriftliche Werke und eine Reihe von
Prophezeiungen über die Zukunft der Kirche und Europas, die sich noch erfüllen müssen. Sie schrieb eine Reihe von musikalischen Kompositionen zum Gebrauch in der Liturgie; das Mysterienspiel Ordo Virtutum; Predigten,
die sie in den 1160er und 1170er Jahren gehalten hatte; zwei Bände über Naturmedizin und Heilkunde, Physica und Causae et Curae, (einschließlich eines Heilmittels gegen die damals tötliche Lepra). Außerdem entwickelte
sie eine „Lingua Ignota“ genannte Sprache; schrieb einen Evangelienkommentar und zwei Bücher über Heilige; zusätzlich zu Liber Vitae Meritorum („Das Buch der Lebensverdienste“) und Liber Divinorum Operum („Buch der
göttlichen Werke“). Sie vollendete das letzte dieser Werke, als sie schon über siebzig Jahre alt war.

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Eingangstor der Abtei der Heiligen Hildegard.

Hildegard machte auch einige interessante Beobachtungen über die Erde und das Universum bezüglich der Elemente und Wirkungen. Im Inneren der Erde, so glaubte sie, sind zwei riesige Räume in der Form von Kegelstümpfen, wo Strafen erduldet werden müssen und von wo das schreckliche Böse hervorgeht. Sie dachte, dass die Erde selbst aus
vier Elementen besteht, die in erstaunlicherweise ungleicher Größe und Form dargestellt werden. Ihre Anordnung, so glaubte sie, ist nicht geordnet, und genau diese Unordnung bezeichnet eine der grundlegendsten Lehren Hildegards in Bezug auf die Beziehung dieser Welt zum Universum: Vor dem Fall des Menschen waren die Elemente in einer
harmonischen Verbindung vereint, und die Erde war das Paradies; nach der Katastrophe war die Harmonie des Universums gestört, und alle Schwierigkeiten konzentierten sich auf diesem Planeten, der seither in dem uns bekannten Zustand chaotischer Unordnung verharrt, die man zu Hildegards Zeit „mistio“ nannte.

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Die deshalb vermischten Elemente werden bleiben, bis sie dem Schmerztiegel des Gerichts des Herrn unterworfen werden. Dann werden sie in einer neuen und ewigen Harmonie hervortreten, nicht länger vermischt als Materie,
sondern unterschieden und rein, als Teile eines neuen Himmels und einer neuen Erde.

Die wahre Hildegards
Hildegard hatte keine Verwendung für Schismatiker und Häretiker wie die Katharer, die damals im südlichen Frankreich und im nördlichen Italien blühten. Sie predigte ihr ganzes Leben gegen sie und widersetzte sich
ihnen mit Entschiedenheit.

Genau wie ihr Freund Bernhard von Clairvaux unterstützte Hildegard den Zweiten Kreuzzug. Als Philipp von Flandern 1176 das Heilige Land erreichte, um das Königreich von Jerusalem und den leprakranken König Balduin IV zu
unterstützen, hatte er den Rückhalt eines Auftrags von Hildegard: „Wenn die Zeit kommen wird, in der die Ungläubigen versuchen, die Quelle des Lebens zu zerstören, dann bekämpfe sie so hart, wie du es mit Gottes
Hilfe vermagst.“

In den letzten Jahren ihrer irdischen Pilgerschaft musste Hildegard eine schwere Prüfung bestehen. Man hatte auch dem Friedhof neben ihrem Kloster einen exkommunizierten jungen Mann beerdigt. Die kirchlichen Autoritäten in
Mainz verlangen, dass sie den Leichnam entfernte, aber sie weigerte sich, weil der junge Mann die Sterbesakramente empfangen und sich so mit der Kirche versöhnt hatte. Ihre Klostergemeinschaft wurde deshalb von Christian Buch, dem Bischof von Mainz, mit dem Interdikt belegt. Nachdem Rom von ihrem Dilemma unterrichtet worden war, konnte sie erreichen, dass das ungerechte Interdikt aufgeboben wurde. Sie starb einen friedlichen, heiligen Tod im Jahr des Herrn 1179.

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Hildegard heute

Hildegards Abtei heute mit den Türmen über dem Rheintal. Eine katholische Adelsfamilie, die heute auch Priester in ihren Reihen zählt, hatte die Abtei im 20. Jahrhundert neu errichten lassen. Sie ist heute ein beliebtes Ziel für
Wanderer und für alle, die die Benediktinerinnen beim Gesang der Vesper hören wollen.

Seit einigen Jahren gibt es ein erneutes Interesse an Hildegards Leben, besonders ihr Landsmann Papst Benedikt XVI sie 2012 zur Kirchenlehrerin erhoben hat. Anmerkung der Herausgeberin: Leider haben einige esoterische Gruppen innerhalb und außerhalb des Katholizismus einige ihrer Interessen gekapert. Zweifellos hätte die Heilige Hildegard für sie genauso so viel übrig wie für die Katharer.

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Hildegard wurde von Papst Johannes XX am 26. August 1326 seliggesprochen. Fast siebenhundert Jahre später sprach Papst Benedikt XIV sie auch offiziell heilig. (Anmerkung des Übersetzers: Obwohl die offizielle Heiligsprechung erst so spät erfolgte, wird Hildegard bereits im 16. Jahrhundert im Verzeichnis der Heiligen der Kirche genannt und
als Heilige verehrt.)

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