Wenn die Weinberge sprechen könnten

Wenn die Weinberge sprechen könnten

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Deutschlands bestgehütetes katholisches Geheimnis

Vergesst die Skandale um rebellierende Bischöfe. Ignoriert die leeren Kirchen. Schaut stattdessen auf das Land selbst, und die Geschichte der katholischen Kirche in Deutschland wird sich zeigen.

Weinberge erheben sich kilometerweit terrassenförmig über der sich windenden Mosel und umschließen den Rhein.

„Wie viele von euch sind hier aufgewachsen?“, fragte ich kürzlich eine Klasse von deutschen Jugendlichen. 90% der 16-jährigen hoben ihre Hände. „Okay, wer hat diese Weinberge angelegt?“

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Die deutschen Schüler ratlos machen

Ich zeigte aus dem Fenster auf die sich endlos sanft zum Rhein hinunter windenden Weinberge. Die Schüler tauschten Blicke, Achselzucken.

„Die Römer?“, traute sich ein tapferer Junge, dessen Familie ein Weingut betreibt.

„Nein“, sagte ich. „Versuchen wir es noch einmal. Wer hat die Bäume gefällt, wer hat die Stümpfe weggetragen und all diese Quadratkilometer Land bereitgestellt, um Trauben anzubauen? Ich gebe euch einen Tipp. Es geschah lange vor Elektrizität und Verbrennungsmotoren.“

Keine Ahnung.

„Wer hat die Weinpressen gebaut? Wer die Wissenschaft des Weinbaus entwickelt?“

Die Klasse war ratlos.

„Es war die Kirche,“ erzählte ich ihnen schließlich grinsend. Sie schauten den Priester, dessen Klasse ich unterrichtete, völlig verblüfft an. Ist das wirklich wahr?

 „Ich kann es nicht glauben,“ die beobachtende Lehrerin (ein Laie) war etwas verlegen. „Warum wisst ihr das nicht?“, fragte sie kopfschüttelnd.

Wie kann das sein? Natürlich ist die Antwort, dass es ihnen nie erklärt wurde. Niemand – weder ihre Eltern, noch die katholischen Schulen, die sie besuchten. Offensichtlich scheute sich jeder das zu lehren, was augenscheinlich ist.

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Eine von der Kirche geprägte Kultur

Nichtsdestotrotz sind dies die Tatsachen: Ohne dass diese Teenager es wissen, leben sie in einer Kultur, die von der Kirche geprägt wurde.

Es waren nicht nur Weinberge, bzw. Weinherstellung. Die Kirche brachte  Ingenieurwesen, Medizin, Bildung – die ganzen Segnungen der Zivilisation – nach Deutschland. Der heutige Rheingau ist der lebende Beweis dafür.

Die 32 Kilometer lange Strecke entlang des Rheins ist eine Landschaft, die von Generationen von Mönchen akribisch aus der Wildnis herausgearbeitet wurde. Alte Abteien krönen die Berggipfel. Winzigkleine Kapellen, liebevoll erhalten durch unbekannte Hände,  sind über die Hügel verstreut.

Weltberühmte Rieslinge wurden hier schon Jahrhunderte, bevor Martin Luther das Tageslicht erblickte, durch den Weinbau der Kirche erzeugt. Vom Weinberg eines monastischen Klosters (dem „Steinberg“) wird gesagt, dass er einer der heutzutage meistbegehrten Weißweine der Welt produziert.

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All dies ist die beharrliche Arbeit von Jahrhunderten.  Die Zisterzienser waren die Gestalter des Landes und ihr Werk kann man überall sehen. Wo sich einst von Mücken befallene Sümpfe ausbreiteten, fließen heute Bäche durch geordnete Reihen von Reben  tanzend hinunter in den Rhein.

Neben ihren beeindruckenden Weinbaufähigkeiten, feierten die Benediktiner die antike Liturgie. Karmeliten waren die Kontemplativen. Die Ursulinen unterrichteten die Kinder. Hier im Rheingau besaßen sogar die bekanntermaßen strengen Jesuiten Weinberge.

Sie alle sind gegangen bis auf die Benediktinerinnen der Abtei St. Hildegard. Dies alles ist den Wochenendtouristen aus Frankfurt oder den Schiffstouristen auf dem Rhein unbekannt.

Sogar die Menschen aus dem Rheingau, mit Recht stolz auf ihr Land, tappen bezüglich ihrer Geschichte im Dunkeln.

Warum ist das so?

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Katholische Buben gekidnappt

„Die Kirche war verhasst“, beharrt ein Gastwirt, mit einem Amateurinteresse an lokaler Geschichte. Wir haben es uns in seinem Michelinstern gekrönten Restaurant in einem Gebäude aus dem 16. Jhd. gemütlich gemacht. „Sie waren reich und arrogant.“

Sie waren gezwungen den Zehnt zu zahlen.

Fühlten sich die Menschen der  Regierung den Hessen zugeneigter?

photo(4)„Sie waren nicht besser. Kennen Sie diese hessischen Soldaten, die im amerikanischen Revolutionskrieg kämpften?“, fragte er. Die George Washingtons Truppen im Schlaf ermordeten an Heiligabend, nachdem sie den Delaware überquert hatten.“

„Sie waren Bauern aus dem Rheingau und wurden aus dem Weinberg vertrieben – verkauft wie Rinder für Geld – kamen sie durch die örtlichen Fürsten zu den Briten, um in ihrem blutigen Krieg in Amerika zu kämpfen. Sie hatten keine Chance, diese armen Mistkerle. Die Glücklichen von ihnen liefen vor den Rotröcken weg. Sie desertierten, fanden Arbeit und Frauen und wurden Amerikaner.“

Und die Kirche hat ihre Stimme nicht zum Protest gegen diese Verbrachen erhoben?

„Die Regierung war protestantisch.“ sagte er schulterzuckend. „Sie würden nicht ihre eigenen Söhne entführen und in den Krieg schicken.

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Es war viel einfacher, die katholischen Söhne den protestantischen Briten zu verkaufen. Was konnte die Kirche auch tun? Beten?“

Warum waren die dort lebenden Deutschen so unwissend bezüglich ihrer eigenen Geschichte?

„Weil wir nur über das 20. Jahrhundert unterrichtet wurden,“ erklärte der Wirt kopfschüttelnd. „Die alten, schrecklichen Jahre. Den Hunger. Erster Weltkrieg. Der Naziterror. Zweiter Weltkrieg. Das Bombardement. Den Tod. Dann der Wiederaufbau, die großen Errungenschaften der Nachkriegsgeneration. Wir lernten fast nichts über die Jahre vor dem 20. Jahrhundert. Es ist so, als existierten sie nicht. Doch wie Sie sehen können, leben wir mittendrin, umgeben von sichtbaren Beweisen der Geschichte, von der wir kaum wissen, dass sie existierte.

„Wir denken, wir wären so klug, wir Deutschen. Aber wir sind unwissend gegenüber dem, was wir sind.“

Das ist Deutschlands bestgehütetes katholisches Geheimnis.

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Text von Beverly De Soto

Fotos von Harry Stevens

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