Der Pilgerweg nach Chartres Pilgrimage in den Augen eines Neulings

Der Pilgerweg nach Chartres Pilgrimage in den Augen eines Neulings

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Eines sonnigen Frühlingsmorgens 2004 trat Donna Sue Berry aus der Geborgenheit der Kathedrale Notre Dame. Sie schloß sich 10.000 kühnen Katholiken an, um viele Meilen zu wandern – auf Straßen, über Schluchten und durch Wälder – um dort zu beten, wo Heilige gebetet hatten. Sie ahnte nicht, daß sie schreiend durch einen französischen Wald rennen würde und sich fragen, was zum Teufel sie hier tue, bevor der Tag zum Ende kam.

“Komm mit mir nach Chartres, Mama!” bettelte meine Tochter Crystal. Sie wollte, daß ich sie begleitete auf dem 116 Kilometer langen historischen katholischen Pilgerweg von Notre Dame in Paris nach Chartres.

Diese großartige romanisch-gotische Kathedrale des 12. Jahrhunderts hatte über die Jahrhunderte Heilige, Könige, Königinnen und dergleichen gesehen. Ihr Bau war um 1220 vollendet – und ich stellte mir vor, daß meine Chance, nicht dorthin zu kommen, 1220:1 betrug.

Schließlich stammte ich aus Oklahoma, war 49 Jahre alt und war niemals nach Übersee gefahren, hatte kaum je den Bundesstaat verlassen. Ich litt unter all dem schweren Gepäck, das ich seit meiner Scheidung vor weniger als einem Jahr mit mir trug, nach 28 Ehejahren mit meinem einstigen Freund aus Collegezeiten. Ich war äußerst verletzt, einsam, zornig, und ich hatte genug von schiefgehenden Dingen. Auch ging ich zu fünf katholischen Kirchen der Gegend, von denen keine zu meiner Gemeinde gehörte. Ich erlaubte mir nicht, einem Menschen oder Ort zu nahe zu kommen.

Aber die Aussicht, Zeit mit meiner Tochter und meinem ersten Enkelsohn zu verbringen, war allzu verlockend, und so stimmte ich zu. In den Stunden, in denen wir durch Paris gingen, begann ich meine eigene persönliche Reise.

Im Kloster der Schwestern der Barmherzigkeit betete ich vor dem Allerheiligsten, neben dem unverweslichen Leichnam der Heiligen Catherine Labouré. Ich bat sie um Hilfe, mich von meiner schmerzlichen Vergangenheit zu lösen. Ich wollte in Christi Gnadenfülle leben. Ich konnte kaum glauben, genau dort zu sein, wo diese heilige Nonne ihre Hände auf den Schoß der Muttergottes gelegt und die Wundertätige Medaille von ihr empfangen hatte.

Am folgenden Tag wanderten wir durch Lisieux, und ich kniete ehrfürchtig vor dem Reliquiar der Heiligen meiner Kindheit, der Heiligen Therese. Ich bat sie um Fürbitte. Auf meinem ganzen Weg durch Frankreich erlebte ich einen von vielen Gnadenbezeigungen Gottes erfüllten Traum. Was für ein Trost, welche Freude!

Der erste Tag

Am folgenden Tag mischten wir uns unter die Schar der Pilger, die in Notre Dame in Paris zusammenströmten. Freude und Wärme überfluteten uns, als wir in dieser eindrucksvollen Kathedrale knieten. Ich war überwältigt, voll herrlicher Erwartungen, überschwänglich von begeistertem Gebet und Liebe zu unserem Herrn.

Überall sah ich die lächelnden Gesichter von Männern und Frauen, die sich bereit machten, loszugehen. Wir gingen mit den Amerikanern, hinter einem riesigen Banner Unserer Lieben Frau von Guadelupe. Jemand begann, den ersten von vielen, vielen Rosenkränzen vorzubeten, während wir betend und redend durch die Straßen von Paris zogen. Die Pilger sahen aus wie aus dem Bilderbuch, in Wanderkleidung und mit baumelnden Rosenkränzen in den Händen.

Aber schon nach kurzer Zeit blieb ich ein wenig zurück, in ein fesselndes Gespräch mit zwei etwa siebzigjährigen Frauen aus Washington verwickelt. Mit ihren Röcken, Wanderstiefeln und Gehstöcken waren sie kein bißchen außer Atem, während ich langsam müde wurde.

Wie ging das an? Ich war so viel jünger, aber ich atmete schwer. Der schöne sonnige Tag ließ mich heiß und verschwitzt werden. Waren wir schon fünfzehn Kilometer weit gegangen? Endlich verlangsamten die Frauen ihren Schritt etwas, um mich nicht zurückzulassen. Ich bedeutete ihnen, vorzugehen, und fiel immer weiter zurück.

Hunderte von Menschen aus aller Welt waren da – viele Nationalitäten und Sprachen, und bald war ich von Menschen umgeben, die kein Englisch sprachen.

Als ich weiter zurückfiel, bekam ich Angst, aber in diesem Moment wurden wir in einen riesigen Park geführt. Überall gab es Wasserflaschen, und ich ließ mich erleichtert ins Gras fallen.

Erste Schwierigkeiten

Als ich mich aufraffen wollte, merkte ich, daß ich nicht konnte; geschlagen ging ich wieder zu Boden. Eindeutig war ich in Schwierigkeiten. All das Sightseeing, Treppensteigen zur Kathedrale und wieder hinaus, dies Hin und Her zwischen touristischen Stätten hatte mich schon körperlich angestrengt. Aber die ersten fünfundzwanzig Kilometer der Pilgerreise hatten mich fertiggemacht.

Ich bekam Angst. Einige Leute sahen noch angeschlagener aus als ich. Ich bemerkte Blut am Fußknöchel eines Pilgers und auch mehr als einen Verband. Einige sahen völlig erschöpft aus und saßen oder lagen einfach auf dem Boden. Die Verletzten, die noch gingen, beteten im Stillen. Wir waren allein im Park und konnten den Gesang und die Gebete nicht mehr hören.

Wir mußten aber nicht lange warten, ehe jemand kam, der sehr zuständig wirkte und ausgezeichnet Französisch und gebrochen Englisch sprach. Wir erfuhren, daß man uns mit Autos abholen und zur Messe fahren werde. Als wir alle loshinkten, faßte ich einen klaren Entschluss. Ich suchte die Seitenstraßen nach einer Telefonzelle ab. Ich hatte eine Kreditkarte. Wäre ein Taxi in der Nähe gewesen, wäre ich nach Chartres gefahren. Ich brauchte ein Hotel. Ich brauchte ein Bad. Ich mußte weg von dieser Pilgerreise.

Eine Messe in einem französischen Wald

Aber was ich wirklich brauchte, war genau diese Pilgerreise. Also stieg ich gehorsam in das Auto, und wenig später wurden wir auf einer schönen Lichtung zwischen den Bäumen abgesetzt, wo die Pilger innehielten. Vorbereitung für eine Messe unter freiem Himmel wurden getroffen. Ich fand einen Stein zum Sitzen und bemerkte, daß die stille Fahrt mir geholfen hatte, meine schmerzenden Muskeln etwas zu entspannen, und ich hielt Ausschau nach meiner Tochter. Nicht lang danach sahen wir einander tatsächlich über ein Meer von Pilgern hinweg, und ich machte ihr winkend ein Zeichen, dass bei mir alles in Ordnung war.

Aber das war es nicht. Es wurde heißer, ich kochte in diesem stickigen grünen Wald. Die Körperwärme aller Pilger hätte eine Arena mitten im Winter heizen können. Was war los mit mir? Ich war normalerweise nicht so ein Weichling oder Jammerlappen. Ich hatte mich auf diese Reise so gefreut und mich dieser Herausforderung körperlich gewachsen gefühlt. Aber als ich da saß in meinem T-Shirt, Jeans und weißen Reebokstiefeln, so völlig Amerikanisch und fehl am Platz wirkend, fühlte ich mich aufs Äußerste verloren.

Ich hatte geglaubt, die Scherben meines Lebens aufgesammlt zu haben. Ich hatte geglaubt, mich wieder zusammengesetzt zu haben nach meiner Scheidung im Sommer des vorigen Jahres. Aber als ich auf den Boden vor mir starrte und fühlte, wie die Menge sich her drängte, weil die Messe gleich beginnen sollte, war ich immer noch in so viel Schmerz vergraben.

Ich kämpfte die Tränen nieder, die während der letzten Kilometer hatten fallen wollen, als ich nach den Amerikanern Ausschau hielt. Dann plötzlich wurde mir klar: Ich tat, was ich gewöhnlich tat, wenn Probleme auftauchten – ich schaute nach etwas zu tun oder etwas, die Gedanken zu beschäftigen. Ich warf einen Blick auf meine Tochter, die so gelassen, ruhig und entspannt aussah, als sie lächelte und mit anderen Pilgern scherzte. Ich liebte dies Mädchen. Aber warum um alles in Welt hatte ich jemals gesagt, ich würde auf diese Pilgerreise gehen?

Plötzlich wurden die Pilger ruhig, und der Gesang fing an. Die Messe begann, und wir fielen auf die Knie – einige unter uns langsamer als die anderen.

“In nomine Patris, et Filii, et Spriritus Sancti.”

Lieber Gott, betete ich inbrünstig, Hilf mir hier heraus!!

Die Messe im Wald war überwältigend. Hinterher verzweifelte ich daran, daß ich um ein Wunder gebetet hatte und es nicht eingetroffen war; langsam und schmerzhaft ging ich in den Wald und schaute nach dem Sanitätsbus.

Dann tauchte meine Tochter auf, fröhlich hüpfend inmitten anderer Pilger. Und da war nicht nur sie. All diese völlig verschwitzten Pilger mit schmerzenden Rücken und Beinen, mit durch ihre Hände rollenden Rosenkränzen, schienen mir erstaunlicher Weise als die fröhlichsten Leute, die ich seit Jahren gesehen hatte. Sie sangen und beteten einfach im Gehen weiter.

Warum konnte ich nicht diese Art von Freude finden? Auch ich war zur Beichte und zur Messe gewesen.

Allein an einem stickigen Ort

Aber nun war ich hier, mit Schmerzen und außer Atem, als ich alleine durch den heißen, schwülen, stickigen Wald trödelte. Ich war ganz sicher, vor Hitze, Erschöpfung und in mir brodelnden Gefühlen zu sterben. Die Tasche über meiner Schulter wurde immer schwerer. Schweiß rann meinen Rücken hinunter. Meine Kleider klebten an mir.

“Was mache ich hier?” Bei jedem Schritt schrien diese Worte in meinem Kopf, lauter als vorher. Ich würde explodieren! Das war verrückt. Das hätte die schönste Reise meines Lebens werden sollen, eine Gelegenheit, Frankreich zu sehen und die Orte, wo meine liebsten katholischen Heiligen gelebt hatten.

“Und dann starb sie”, spottete ich und stolperte über einen heruntergefallenen Ast. Make-up rann meine Wangen hinunter, als ich anfing zu weinen. Ich war völlig durcheinander, innen wie außen. Ich konnte kaum Atem holen und begann zu stammeln: “Warum, Gott? Warum bin ich hier?! Das sollte eine fröhliche, lehrreiche, erhellende Reise werden!”

Aber dies war nicht fröhlich. Ich brauchte Trost. Ich brauchte Liebe, und ich mußte den Schmerz hinter mir lassen. Mit jedem Schritt liefen mehr Tränen herunter. Ich strich mein klebriges Haar aus dem Gesicht.

Endlich blieb ich stehen. Allein in diesem Wald, schrie ich laut. “Gott, warum? Ich habe nicht darum gebeten! Was zur Hölle soll ich hier?” Ich sank auf die Knie, als der Damm brach. Ich habe im ganzen Leben nicht so geweint. Es schien aus meinem tiefsten Inneren zu kommen, und ich bin bis heute nicht sicher, daß irgendein Laut aus meinem Mund kam.

Ich weiß wirklich nicht, wie lange ich so da saß, aber als ich mich langsam beruhigte, kam es mir vor, als hörte ich eine unhörbare Stimme sagen: “Weil Ich dich liebe.”

Ich blickte auf den Rosenkranz hinunter, den ich in der Faust gepresst hielt. Ich starrte auf das Kruzifix und sprach laut aus: “Weil Du mich liebst.”

In diesem Augenblick bemerkte ich, wie still und friedlich meine Umgebung war. Ich kniete, fühlte die frische, leichte Brise, die mein Gesicht streichelte. Aller Kampf verließ mich – all der Ärger, der Schmerz, die Erniedrigung der letzten Jahre – verschwand ganz einfach.

Gott hatte die Pilgerreise nach Chartres benutzt, um meine Bitterkeit abzuschleifen, um mich zu befreien von allem, was mich davon abhielt, in der Gnade voranzuschreiten. War das nicht mein Gebet gewesen, am Altar der Heiligen Catherine Labouré und zur Heiligen Therese, vor nur einem Tag?

Einige Augenblicke lang kniete ich in der friedvollen Stille, als ich plötzlich eine Hupe hörte. Der Sanitätsbus kam gerade durch den Wald zurück!

Wieder im Sanitätsbus

In den Bus zu steigen, klares Wasser zu trinken und meinen müden Kopf gegen das Fenster zu lehnen war eine weitere Gottesgabe. Als der Bus sich mit Pilgern füllte, sah ich, daß nur wenige nicht von den Strapazen der Reise verwundet waren. Eine Person war recht sicher, daß ihr Knöchel eher gebrochen als verstaucht war. Es dauerte nicht lange, bis drei Busse voll mit gehfähigen Verwundeten.

Eine Frau mit einem Megaphon erschien und sagte uns, wir sollten uns erinnern, dass wir hier aus einem bestimmten Grund waren. Dass dies der selbe Pilgerweg sei, auf dem Heilige gegangen waren. Wir sollten unsere Beschwerden, Schmerzen und Gebete für die Bekehrung der Sünder und für unsere eigenen Seelen aufopfern. Sie begann mit dem Rosenkranz, und wir beteten den restlichen Nachmittag lang, während wir weiter reisten bis zu dem Ort, wo wir übernachten sollten. Ich hatte immer noch Schmerzen, und ich hatte das Gefühl, nie wieder gehen zu können, aber meine Seele sang. Ich glaube, das war einer der andächtigsten Rosenkränze meines Lebens.

Im Freien schlafen

Am Abend erreichten wir ein riesiges Feld, wo wir unser Gepäck auspackten und zu Abend aßen. Es gab Brühe und Brot. Später, in unseren Schlafsäcken, konnten wir ein paar Schmerztabletten schlucken, um mit unseren Schmerzen und blasigen Füßen durch die Nacht zu kommen.

Am nächsten Morgen konnten Crystal und ich uns kaum rühren. Die Zelte mußten verstaut werden und die Messe gefeiert, ehe wir wieder losgingen. Wieder verabschiedete ich mich von Crystal. Ich ging wieder zu den Verletzten; unsere Gruppe war gewachsen, und wir waren nun viele, die sich hinkend die schmutzige Straße entlangschleppten. Dann begann es zu regnen.

Maries Geschichte

Wir waren eine völlig heruntergekommene Pilgergruppe, als wir müde in den endlich eingetroffenen Sanitätsbus kletterten. Ich setzte mich auf den letzten freien Platz neben einer jungen Frau, die aussah, als hätte sie einen Krieg durchgemacht.

Sie war übergewichtig, trug Punkklamotten und hatte einen riesigen wilden Schopf schwarzen Haares. She was overweight, dressed in punk regalia, with a massive head of wild black hair. Sie hatte eine Wunde über einer Augenbraue, die mit einem blutigen Verband bedeckt war, und ihr Knöchel war verbunden. Sie sah mich an, lächelte scheu und sagte mit starkem französischen Akzent: “Hullo.”

Ich fragte, ob sie eine meiner Wasserflaschen wollte. Ob sie in Ordnung sei. Sie schüttelte den Kopf und fing an zu weinen. Sie sagte, sie hatte sich am Vortag den Knöchel verstaucht, war gefallen und hatte sich die Stirn aufgeschlagen. Die Sanitäter hatten sie verbunden und für den Rest der Reise in den Bus geschickt.

Dennoch fragte sie mit französischer Höflichkeit nach mir, warum ich auf der Pilgerreise sei, warum im Bus. Ich sagte es ihr, und schließlich öffnete sie sich. Sie sagte, sie heiße Marie. Sie hatte versprochen, genau an dieser Pilgerreise teilzunehmen. Es war nicht ihre Wahl gewesen. Aber ihre Schwester war im letzten Jahr lebensgefährlich krank gewesen, und sie hatte ihr versprechen müssen, an der Pilgerreise nach Chartres teilzunehmen.

Sie war Diskjockey beim Radio, und war der Glaube war ihr schon vor Jahren abhanden gekommen. In diesem Moment, so gestand sie, da sie unter Hitze, Schmerzen und Unannehmlichkeiten litt, würde sie gerne nach Hause gehen – wenn sie könnte. Aber mit Tränen in den Augen bestand sie darauf, sie sei entschlossen, es durchzuhalten. Sie hatte es ja ihrer Schwester versprochen.

Wir fuhren schweigend weiter, bis die Frau mit dem Megaphon uns aufforderte, unsere Rosenkränze zur Hand zu nehmen, und dann begannen wir zu beten. Vielmehr, ich begann. Marie saß in düsterem Schweigen, das von gelegentlichem erstickten Schluchzen unterbrochen war. Ich sah die verregnete französische Landschaft vorbeiziehen.

Um uns herum wurde das Ave Maria in sanftem Rhythmus angestimmt. Ich betete für Marie, die neben mir kauerte. Ich betete für jeden, der mir einfiel. Ich opferte den elenden Tag auf und all meine Wunden und Schmerzen für Maries Bekehrung. Ich bat die Gottesmutter, sie ihn ihren Schutzmantel zu hüllen und ihr Frieden zu geben.

In der alten Kirche

Bald ließ der Regen nach, es nieselte nur noch, und auch die Busse fuhren langsamer. Wir bogen in eine kleine Straße, die zu einer alten Kirche mit Friedhof führte. Die Steine waren so alt, dass die meisten zur Seite gekippt waren.

Alle begannen, auf dem Friedhof herumzugehen. Einige nahmen verschiedene Jacken oder Regenmäntel und breiteten sie auf dem Boden aus, um zu sitzen, ohne nass zu werden. Marie fand ein großes Stück Plastik und setzte sich auch, aber ich ging in die Kirche.

Sie war wunderschön. Der Altar, die Statuen und die Kreuzwegstationen waren so alt und so schön. Die Kirchenbänke hatten kleine Schwingtüren und trugen die Namen längst verstorbener Gemeindeglieder. Ich trat durch eines der Türchen und ging in die Kirchenbank. Ich kniete dort und fühlte mich völlig überwältigt von der Heiligkeit des Ortes. Ich muss eine halbe Stunde lang gebetet haben, eingetaucht in den Frieden meiner Umgebung, ehe ein anderer Pilger in die Kirche trat.

Zurück im Freien, sah ich Pilger überall auf dem Boden sitzen, und ein Priester mit einem Megaphon betete den Rosenkranz vor. Dann bemerkte ich mehrere Priester auf Stühlen, und neben jedem kniete ein Pilger. Sie hörten die Beichte! Wenn ein Pilger die Absolution empfing und den Priester verließ, nahm ein anderer Pilger seinen Platz ein.

Es bewegte mich, die Gefühle auf den Gesichtern der Pilger zu sehen, wenn sie beichteten und sich dann, von ihren Sünden befreit, erhoben. Neben mir sah ich mit Staunen, wie Marie gerade den Rosenkranz laut auf Französisch betete. Es war ein schöner Anblick. Ich bewegte die Finger über die Rosenkranzperlen. Sie grinste mich verlegen an und hob ihren Rosenkranz, wie um zu sagen “Ich wollte es mal versuchen”.

Wir waren gerade fertig, als ein Priester meine Schulter berührte und fragte, ob ich “die Amerikanerin” sei. (War das so offensichtlich?) Ob ich den nächsten Rosenkranz auf Englisch vorbeten könne? Lächelnd überreichte er mir das Megaphon.

Ich begann also den Rosenkranz, und Marie betete ihn gemeinsam mit mir. Es war eine sehr schöne Erfahrung, die Pilger zu hören, die in ihren verschiedenen Akzenten mitbeteten. Beim letzten Gesetz des Rosenkranzes kam die Sonne hinter den Wolken vor. Es sollte ein schöner Nachmittag werden.

Ich sagte zu Marie, ich würde gleich zurück sein, und ging zu einem Priester, der die Beichte hörte. Mein Gewissen hatte mich gequält, seit ich am Vortag in jenem Wald so “explodiert” war. Es war an der Zeit, zu beichten, was so schwer auf meinem Herzen gelastet hatte.

Danach schien meine Seele zu singen, und ich fühlte mich außerordentlich glücklich. Ich kniete nieder und betete mein Bußgebet, dann sah ich Marie an.

“Warum?” fragte sie verdutzt.

“Warum was?” antwortete ich verwirrt.

“Du bist doch so heilig! Warum gehst du schon wieder zur Beichte?”

“Oh, Marie, ich bin nicht heilig. Ich bin bloß eine Sünderin und ich mußte das tun!”

Ich erklärte ihr ein bißchen über das Sakrament der Versöhnung. Marie war sehr still, als der nächste Rosenkranz begann. Wenige Augenblicke später berührte sie meine Schulter und sagte, sie wäre gleich zurück. Ich sah verwundert und dankbar zu, als sie neben einem Priester kniete und ihren Kopf neigte. Sie war seit Jahren nicht zur Beichte gegangen.

Was für eine Gnade. Was für unfassbare Gnaden hatte ich auf dieser Pilgerreise nach Chartres erhalten und bezeugt. Aucn ich neigte den Kopf und dankte Gott.

Der dritte Tag

Eine kühle Nacht verging, aber ich konnte meine Freude kaum bändigen. Der Tag war von so vielen Gnaden erfüllt gewesen.

Am nächsten Morgen ging ich die letzten paar Kilometer nach Chartres. Ich werde den ersten Blick auf die die Bäume überragenden Türme der Kathedrale niemals vergessen, und auch nicht den Gang durch die Stadt, als tausende von Pilgern sich mit ihren Bannern und Rosenkränzen durch die offenen Türen drängten.

Wir waren angelangt. Wir waren in der riesigen Kathedrale, über die ich an der Universität gelernt hatte. Hier waren Heilige und Sünder über die Jahrhunderte gereist und hatten hier gekniet, um ihren König in der Heiligen Kommunion zu empfangen.

Wir Pilger knieten nieder – nass, hungrig und wundgelaufen – aber nur eine Sache war von Bedeutung, als wir bei der Konsekrierung von Jesu Fleisch und Blut die Köpfe neigten. Wir sollten gleich Christus in der Heiligen Kommunion empfangen. Alles andere verblasste ganz einfach, nachdem ich die Eucharistie empfangen hatte. Aber als ich aufblickte zum Nordfenster der Kathedrale von Chartres in all ihrer Größe, wurde mir klar, daß ich nun ein Teil davon war. Ich hatte gekniet, wo Heilige und Sünder gekniet hatten. Meine Hände hatten ihre kühlen Steine berührt, und meine Stimme sang Lieder genau wie die Ihren. Ich hatte die Gnade empfangen, die Pilgerreise zu beenden, und ich sollte die Kathedrale verändert verlassen.

Beim Abschied von meinen alten und neuen Freunden hörte ich einen Mann zu einem anderen Pilger herüberrufen: “Bis nächstes Jahr!”

Nächstes Jahr? Würde ich diese Pilgerreise jemals wiederholen?

Wahrscheinlich nicht. Aber ich hätte dies um nichts in der Welt eingetauscht. Ich werde Gott immer dankbar sein, daß meine Tochter mir zu den ersten Schritten auf der Pilgerreise verhalf, die mir ermöglichte, mein Leben zu ordnen, dort in Chartres.

 

 

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