In der Liturgie geht es nicht um uns, sondern um Gott

In der Liturgie geht es nicht um uns, sondern um Gott

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Ein Interview mit Dom Alcuin Reid

 

von Dan Flaherty (aus dem Englischen: Claudia Sperlich)

Einer der herausragendsten Liturgiker unserer Zeit, Dom Alcuin Reid, ist Mönch im Kloster Sankt Benedikt in der Diözese Fréjus-Toulon in Frankreich. Seine Promotion über die liturgische Reform des 20. Jhs. wurde veröffentlicht als “Die organische Entwicklung der Liturgie”, mit einem Vorwort von Kardinal Ratzinger (engl. Original: Ignatius, 20051). Er hat international Vorlesungen gehalten, und es gibt von ihm zahlreiche Veröffentlichungen über die Liturgie; er war im Juni 2013 in Rom der Hauptorganisator von Sacra Liturgia, der internationalen Konferenz über die Rolle der liturgischen Form und Feier in Leben und Mission der Kirche, deren Ablauf veröffentlicht ist unter dem Titel “Sacred Liturgy: The Source and Summit of the Life and Mission of the Church” (Ignatius, 2014).

Dom Alcuin, was genau beinhaltet Ihre Arbeit bezüglich der Liturgie?
Zuallererst beinhaltet sie, die Liturgie so vollständig wie möglich jeden Tag zu leben – gewissermaßen vollständig liturgisch zu werden – indem man eintaucht in die vielen Riten und Gebete der heiligen Liturgie. Die Umstände mögen die Möglichkeiten von Zeit zu Zeit beschränken, aber das ist das grundlegende Prinzip.
Auf dieser Grundlage hat meine spezielle Arbeit akademische, praktische und organisatorische Anteile. Akademisch, weil es keinen Mangel gibt an Vorbereitungen von Vorstellungen auf Konferenzen oder an der Arbeit an Büchern. Zur Zeit arbeite ich an T&T Clark Companion to Liturgy und hoffe, im folgenden Jahr weiter am Folgeband zu Organic Development arbeiten zu können. Auf der praktischen Ebene bin ich oft an der Vorbereitung liturgischer Feiern beteiligt, besonders bei päpstlichen Zeremonien, hier und andernorts.

Auf organisatorischer Ebene koordiniere ich im Auftrag meines Bischofs verschiedene Initiativen in der Folge von Sacra Liturgia 2013. Im vergangenen Sommer hatten wir hier einen sehr erfolgreichen Sommerkurs und werden einen weiteren im nächsten Juli abhalten. Auch sind für 2015 größere Konferenzen der Sacra Liturgia conferences in den USA und Großbritannien geplant.

Was hat Sie veranlasst, diese Arbeit anzufangen?
Mein akademisches Interesse wurde geweckt, als ich Erzbischof Bugninis Buch Die Liturgiereform 1948-1975 (Hg. J. Wagner 1988; engl.: Liturgical Press, 1990) las. Zusammen mit den Schriften des Kardinals Ratzinger zeigte dies deutlich, daß es hinsichtlich der Liturgiereform Felder gibt, die wir bearbeiten müssen, wenn wir der liturgischen Tradition der Kirche treu sein wollen und ebenso der Liturgiekonstitution des Konzils.

Die praktische Einbindung in liturgische Feiern war seit Jugendzeiten ein Teil meines Lebens – es war ein Privileg, Pfarrer (jetzt: Bischof) Peter Elliott zum Mentor und Freund zu haben. Und in den vergangenen fünf Jahren ist es eine besondere Gnade gewesen, der Einladung Bischof Dominique Reys zu folgen und hier in Fréjus-Toulon in Frankreich zu leben und zu arbeiten und mich verschiedenen Aspekten des liturgischen Apostolats zu widmen.

Was die “Reform der Reform” angeht – die die Novus Ordo-Messe der ursprünglichen Intention des Vaticanum II stärker anpassen will – was meinen Sie, wie weit dieser Prozess gediehen ist?

Offiziell hat es den Anschein, als sei die Erörterung zum Stillstand gekommen. Aber nur wenige Jahre vor dem Apostolischen Schreiben Summorum pontificum von 2007 hätte niemand sein Erscheinen vorhersehen können, wer soll also wissen, was vom Heiligen Stuhl in Zukunft noch kommen wird? Auf Graswurzelniveau praktizieren jetzt allerdings viele Geistliche eine Art, die reformierten Riten zu feiern, bei der stärker greifbar ist, dass sie im Zusammenhang mit der liturgischen Tradition und mit den Intentionen des Konzils steht, das ja eine gemäßigte liturgische Reform wollte und nicht eine rituelle Revolution!
Welche Punkte sehen Sie als besonders positiv an, wenn sie den Stand der Liturgiereform in der heutigen Kirche betrachten?

Da in der Folge des Konzils das liturgische Leben der Westkirche nicht ohne ernsthafte Fehler blieb, ist ihre weit verbreitete Verwirklichung von so gut wie allen ist eine sehr günstige Entwicklung. Es gibt natürlich sehr unterschiedliche Antworten auf diese “liturgische Frage”, aber die Tatsache, daß Menschen bereit sind, sie zu diskutieren und abzuwägen, ist ein wichtiger Schritt nach vorn.

Ebenso wichtig ist die wachsende Wertschätzung der wesentlichen Rolle der Schönheit in der Liturgie. Wir verdanken sicherlich viel davon dem Beispiel und der Lehre Benedikts XVI, ganz besonders durch sein Apostolisches Schreiben von 2007, Sacramentum caritatis, in dem er die ars celebrandi, die Kunst zu feiern, so schön bschreibt als “die Frucht gläubiger Befolgung der liturgischen Normen in ihrem ganzen Reichtum”. Immer mehr Geistliche und andere Verantwortliche für die Vorbereitung liturgischer Feiern nehmen sich seine Lehre zu Herzen und setzen sie um, was nur gut sein kann.

Und Papst Benedikts maßgebliche Feststellung, daß der usus antiquior – die ältere Form des Römischen Ritus – ungehindert von allen, die das wünschen, gefeiert werden darf, gibt tatsächlich diesen Schätzen die Möglichkeit, in der Kirche des 21. Jahrhunderts zu leben und zu atmen. Die große Zahl junger Menschen, die davon angezogen werden, und die durch den usus antiquior angeregten Berufungen sind wahrlich Zeichen der Zeit.

Welche Dinge beunruhigen Sie am meisten?
Mit großer Sorge sehe ich, dass schlechte liturgische Praxis oder gar Missbräuche in viel zu vielen Gemeinden und Sprengeln Fuß gefasst haben. Zum Beispiel: An wie vielen Orten wird eher zur Liturgie gesungen, als daß man die Liturgie selbst singt? Viele verstehen nicht einmal den Unterschied! Wenn ich Lieder auswähle, die an verschiedenen Stellen der Liturgie gesungen werden sollen, statt treu daran zu arbeiten, die vorgegebenen liturgischen Texte zu singen, dann habe ich den Sinn gründlich verfehlt. Die Liturgie – alt oder neu – ist etwas, das wir von der Kirche empfangen und das wir uns mühen, so vollkommen und so schön zu feiern, wie wir können, mit tiefem Respekt für ihre eigenen Regeln und ihre Unversehrtheit. Das ist nicht ein Kuchen, den wir backen und zu dem mir nach unserem eigenen Geschmack Zuckerguss hinzufügen.

Das zugrundeliegende Problem ist ein verbreiteter Mangel an liturgischer Bildung. Vatican II sagt, es sei “eitel, irgendwelche Hoffnungen auf die Verwirklichung [der Teilnahme an der Liturgie] zu hegen”, wenn die Hirten nicht “vollkommen vom Geist und von der Kraft der Liturgie durchdrungen” werden und im Gegenzug andere im gleichen Geist formen. Ist das wirklich in den fünfzig Jahren seither geschehen? Mir scheint, wir haben in dieser Hinsicht heute noch viel, viel mehr zu tun.

Welche Lektüre können Sie katholischen Laien empfehlen, die die Liturgie verstehen wollen?
Es gibt zwei Büchlein, die ich nicht hoch genug preisen kann: Das Kunstprinzip in der Liturgie von Abt Ildefons Herwegen (Paderborn 1912); und Von heiligen Zeichen von Romano Guardini (Würzburg 1922).

Das sind keine Textbücher, sondern Meditationen. Sie leisten viel, um Menschen “den Geist und die Kraft der Liturgie” nahezubringen.
Einige mögen auch gerne die Aufsätze in Sacred Liturgy: The Source and Summit of the Life and Mission of the Church (Ignatius, 2014) lesen. Diese behandeln eine Reihe verschiedener Themen und können – auf einem anspruchsvolleren Niveau – sicher ein gesunde und gläubige Verständnis der Liturgie der Kirche pflegen.

Gibt es einen besonderen Punkt, den wir hinsichtlich der Liturgie beachten sollten?
Kardinal Ratzinger hat das in seinem Vorwort zu “Die organische Entwicklung der Liturgie” wunderschön ausgedrückt: “Wenn Liturgie in erster Linie als Werkstätte unseres Machens erscheint, wird das Eigentliche vergessen: Gott. Denn in der Liturgie geht es nicht um uns, sondern um Gott. Gottvergessenheit ist die bedrängendste Gefahr unserer Zeit. Liturgie müßte ihr gegenüber die Gegenwart Gottes aufrichten. Was aber geschieht, wenn in der Liturgie selbst die Gottvergessenheit einzieht und wir dabei nur noch an uns selber denken? Bei aller liturgischen Reform und bei jeder liturgischen Feier müßte zuallererst der Primat Gottes im Blickfeld stehen.”

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